Vom Goldschmied zum Meccano-Meister- Der kreative Ruhestand von Edi Nadig
- Deviprasad Rao

- 23. Mai
- 4 Min. Lesezeit

Als Edi Nadig mit siebzig Jahren sein Schmuckgeschäft am Zürcher Schaffhauserplatz verkaufte, hätten viele erwartet, dass er kürzertreten und sich in die ruhigeren Abläufe des Ruhestands zurückziehen würde. Stattdessen entdeckte er in seinem Zuhause in Stallikon, wo er heute mit seiner Frau Brigitte lebt, eine Welt aus Zahnrädern, Schrauben und Miniaturtechnik, die seine Hände – und seine Fantasie – reger beschäftigte als je zuvor.
„Ich war mein ganzes Leben Goldschmied“, erinnert er sich. „Selbstständig, mit eigenem Geschäft. Wir hatten eine treue Kundschaft, meine Tochter arbeitete mit, und wir führten ein grosses Sortiment für Jung und Alt. Als ich das Geschäft schliesslich verkaufte, hatte ich plötzlich Zeit. Und genau dann kam Meccano zurück in mein Leben.“
Die Wiederentdeckung geschah zufällig. Bei einem Besuch bei seiner Mutter – die fast 104 Jahre alt wurde – im Haus in Graubünden stiess Edi auf eine verstaubte Meccano-Kiste aus seiner Kindheit. Darin lag das halbfertige Gerippe eines Spielzeugtraktors. Aus Neugier nahm er es auseinander, aus Nostalgie baute er es wieder zusammen. Und von diesem Moment an war eine neue Leidenschaft geboren.
Vom Handwerk zur Kunst
Über seine Tochter fand Edi den Weg zum AMS, einem Meccano-Verein, dessen Mitglieder sich einmal im Monat in Baden treffen. Dort werden Ersatzteile getauscht, technische Kniffe diskutiert und Modelle vorgestellt – von Kränen und Autos bis hin zu Schiffen und Flugzeugen. Viele Mitglieder sind pensionierte Ingenieure, Lehrer oder Physiker. Edi, mit der Präzision eines Goldschmieds, fand schnell seinen Platz.
Für ihn ist der Metallbau weit mehr als ein Zeitvertreib. „Es ist Kunst“, sagt er. „Jedes Objekt, das ich schaffe, ist ein Kunstwerk.“ Ein Besuch in seinem Atelier in Stallikon bestätigt das: Auf Regalen und Tischen reihen sich Brücken und Türme – darunter ein Eiffelturm – neben alten Windmühlen, Schiffen, Formel-1-Wagen, dreidimensionalen Stadtmodellen, elektrischen Seilbahnen, Zügen auf Schienen und schweren Kränen. Der Raum wirkt weniger wie eine Werkstatt als vielmehr wie eine Galerie kinetischer Skulpturen.
Der Eintritt in die Meccano-Welt
Edis Werke waren bereits in Ausstellungen in der ganzen Schweiz zu sehen – von zweitägigen Präsentationen im Verkehrshaus Luzern bis hin zu grossflächigen Installationen über 200 Quadratmeter in Lichtensteig. Für seine Modelle hat er mehrfach Preise gewonnen. „Es ist faszinierend“, sagt er. „Man baut nicht einfach stumpf nach Anleitung – man erfindet. Man verändert, man findet eigene Lösungen. Oft beginne ich mit einem Plan, doch am Ende wird es etwas völlig anderes.“
Geschichte und Neuerfindung
Teil des Reizes liegt für Edi in der langen Tradition von Meccano. Er erzählt sie mit der Begeisterung eines Chronisten: wie der englische Metzger Frank Hornby 1901 in Liverpool das System der Lochplatten erfand, wie Märklin in Deutschland Motoren für Meccano produzierte und wie weltweit hunderte Firmen versuchten, das Prinzip zu kopieren – bis Lego mit seinen Plastiksteinen in den 1950er-Jahren den Metallbaukästen fast den Todesstoss versetzte. In der Schweiz hielt die Firma Stockis mit leichteren Aluminiumteilen die Tradition am Leben. Nach einem Preisgewinn wurde Edi sogar einmal gebeten, für Stockis einen Prototyp zu entwickeln.
Die Fantasie des Künstlers
In den vergangenen fünfzehn Jahren hat Edi eine erstaunliche Vielfalt an Modellen gebaut. Manche orientieren sich lose an alten Bauanleitungen, wie ein Karussell aus den 1930er-Jahren, das er umkonstruieren musste, weil es zu gross für seine Werkstatt wurde. Andere sind völlig eigenständige Schöpfungen: eine Nachbildung des Zürcher Hafenkrans, ein gewaltiger Antonov-Doppeldecker inspiriert von einem Flugzeugwrack, das er zufällig auf einer Velotour entdeckte. In seiner Werkstatt stehen auch Dampfschiffe, Formel-1-Rennwagen, Dornier-Flugzeug und Konstruktionen, die einzig seiner Fantasie entsprangen.
Jedes Objekt, so sagt er, trägt eine Geschichte. „Jedes Modell hat seine eigene Historie. Mal aus einem Buch, mal aus einem Traum. Aber immer mit meiner Handschrift.“
Leidenschaft weitergeben
Edi gibt seine Begeisterung auch weiter. Er organisiert regelmässig „Schrauberkurse“ für Kinder, bei denen er ihnen zeigt, wie man einfache Mechanismen baut und damit spielerisch Technik vermittelt. „Für Kinder ist das ideal“, erklärt er. „Man kann kleine Prinzipien so erklären, dass sie sie sehen und begreifen. Und sie sind begeistert.“ Für ihn selbst ist das Bauen zugleich Herausforderung und Meditation. „Es macht mich glücklich. Gerade wenn man älter wird, braucht man Dinge, die einem Zufriedenheit geben.“
Ein Leben in Balance
Mit 85 Jahren verbringt Edi noch immer viele Stunden in seiner Werkstatt, auch wenn er inzwischen lieber kleinere Projekte wählt. Er hält sich mit Velotouren, Spaziergängen und Reisen im Wohnmobil mit Brigitte in Balance. Verkaufen will er seine Werke kaum. „Selten gebe ich ein Modell ab. Für mich geht es um Freude, nicht um Geschäft. Sie sind Teil meiner Geschichte.“
Botschaft an andere Senioren
Welchen Rat hat er für Menschen im Ruhestand? Edi überlegt kurz. „Wenn man handwerklich gearbeitet hat, ist es einfacher. Man kann weitermachen, sei es mit Holz, Metall oder etwas anderem. Wer immer nur im Büro war, hat es vielleicht schwerer. Aber jeder kann es versuchen. Wichtig ist, aktiv zu bleiben und neugierig. Das hält gesund.“
Seine Botschaft ist schlicht und stark zugleich: Der Ruhestand ist kein Ende, sondern eine Chance zur Neuerfindung. So wie er einst aus Gold feine Schmuckstücke schuf, verwandelt Edi heute Stahl- und Aluminiumstreifen in Miniaturwunder. Das Material mag gewechselt haben – der kreative Funke ist derselbe geblieben.
„Jedes Objekt, das ich mache“, sagt er leise und stolz, „ist ein Kunstwerk. Und solange ich bauen kann, schreibe ich meine Geschichte weiter.“
Text und Foto von: Deviprasad Rao
Quelle: Affoltern am Albis ANZEIGER




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