Goldene Hände, Träume auf Metall
- Deviprasad Rao

- Jan 24
- 2 min read

Präzision kennt keinen Ruhestand – sie sucht sich lediglich ein neues Feld. Am 16. Januar verwandelte sich die Schul- und Gemeindebibliothek Stallikon in einen kleinen Kosmos aus Metall und Erinnerung, als über 50 Einwohnerinnen und Einwohner zur Vernissage von Edi Nadig erschienen. Die Atmosphäre war herzlich und konzentriert, und sie lud die Besucher dazu ein, nicht nur zu schauen, sondern die Entwicklung eines Mannes zu entdecken, der sein Leben lang das Handwerk des Feinen beherrschte.
Als Nadig sein Schmuckgeschäft am Zürcher Schaffhauserplatz mit siebzig Jahren verkaufte, erwarteten viele einen ruhigen Rückzug in den traditionellen Lebensabend. Doch stattdessen kehrte Meccano zurück – eine Leidenschaft aus der Kindheit, die seine Hände und seine Fantasie heute stärker fordert als seine einstige berufliche Laufbahn. Der Auslöser war beinahe zufällig: Bei einem Besuch bei seiner Mutter in Graubünden, die fast 104 Jahre alt wurde, fand er eine verstaubte Kiste mit dem Gerippe eines Spielzeugtraktors. Was als nostalgische Reparatur begann, entwickelte sich rasch zu einem anspruchsvollen kreativen Universum.
Metall mit Seele
Die Ausstellung bewies eindrücklich, dass technische Konstruktion auch Poesie sein kann. Nadigs Werke decken ein breites mechanisches Spektrum ab: Brücken, Türme, Windmühlen, Schiffe und Formel-1-Wagen. Hinzu kommen dreidimensionale Stadtmodelle, elektrische Seilbahnen und schwere Kräne, die den Raum prägen. Obwohl diese Arbeiten auf physikalischen Gesetzen beruhen, laden sie den Betrachter zum Träumen ein. Die Besucher bewegten sich mit langsamer, fokussierter Aufmerksamkeit zwischen den Exponaten, entdeckten filigrane Details und suchten nach technischen Lösungen.
Jenseits der Anleitung
Nadigs Arbeitsprozess ist geprägt von der ruhigen Hand eines Goldschmieds und der Neugier eines Erfinders. Als Mitglied des Meccano-Vereins AMS in Baden tauscht er sich mit pensionierten Ingenieuren und Physikern aus – doch seine Handschrift bleibt stets individuell. Er baut nicht einfach nach Plan, er interpretiert. Ein Projekt mag mit einer Anleitung beginnen, endet jedoch oft als völlig eigenständige Lösung.
Zu seinem Portfolio gehört ein Karussell aus den 1930er-Jahren, das er umkonstruieren musste, damit es in seine Werkstatt passt, sowie ein gewaltiger Antonov-Doppeldecker, inspiriert von einem Wrack, das er auf einer Velotour entdeckte. Auch eine Nachbildung des Zürcher Hafenkrans zählt zu seinen Arbeiten und zeigt die Verbindung von Technik und Fantasie.
Eine lebendige Tradition
Nadig betrachtet Meccano nicht nur als Hobby, sondern als Teil der Kulturgeschichte. Er erzählt fundiert von Frank Hornby, der das System 1901 in Liverpool erfand, und vom Überleben der Metallbaukästen trotz des Aufstiegs des Plastiks in den 1950er-Jahren. Seine Expertise ist anerkannt: Seine Modelle wurden mehrfach ausgezeichnet und bereits an prominenten Orten wie dem Verkehrshaus Luzern präsentiert.
Die Vernissage endete mit einem herzlichen Dank des Künstlers an die Gäste. Seine Botschaft ist schlicht und motivierend: Der Ruhestand ist kein Abschluss, sondern eine Chance zur Neuerfindung. Das Material hat sich von Gold zu Stahl und Aluminium gewandelt, doch der kreative Funke ist derselbe geblieben. Solange es Zahnräder zu drehen und Träume zu bauen gibt, schreibt Nadig seine Geschichte weiter – Schraube für Schraube, Verbindung für Verbindung.










































Comments